Menschenzentriert arbeiten: Der unterschätzte Hebel für Produktivität

Menschenzentriert arbeiten: Der unterschätzte Hebel für Produktivität

Wie bleibt Arbeit produktiv, wenn Technologie immer schneller wird – und der Mensch sich zunehmend fremdbestimmt fühlt?

Die Antwort liegt nicht in noch mehr Tools oder Trends, sondern in einem Perspektivwechsel: weg von Prozessen, hin zum Menschen.

Wenn Zahlen wichtiger werden als Menschen

„Der Mensch wird oft vergessen, vordergründig, weil die Zahlen schlecht sind. Ich aber sage, dass die Zahlen schlecht sind, weil der Mensch vergessen wird.”

Dieser Gedanke bringt ein zentrales Problem vieler Organisationen auf den Punkt: Wir optimieren Prozesse, Strukturen und Technologien – und wundern uns, warum Engagement, Innovation und Produktivität stagnieren.

Denn während Technologie immer schneller wird, gerät der Mensch in der Arbeitswelt zunehmend aus dem Fokus. Dieser Beitrag zeigt, warum genau hier der Schlüssel für produktive, innovative und zukunftsfähige Arbeitswelten liegt.

Zukunftsfähige, innovative und produktive Arbeitswelten zu schaffen, wird nur gelingen, wenn wir Mensch, Raum, Technologie und Umwelt in Einklang bringen – und die Fähigkeiten und Bedürfnisse des Menschen in den Vordergrund unserer Überlegungen stellen.

Veränderte Rahmenbedingungen durch Technologie

Bisher war der Mensch der Treiber der Entwicklung. Er entschied, welches Produkt er braucht, welche Arbeitsweise für ihn die bessere ist.

Dies wird durch den Einsatz der Informationstechnologie – insbesondere der Künstlichen Intelligenz – zunehmend in Frage gestellt. Viele Menschen fühlen sich fremdbestimmt durch „vorgesetzte“ Technologien und gesellschaftliche Vorgaben.

Der Blick auf den Nutzen und die Vorteile geht dabei oft verloren. Die Folge: Mitarbeitende können sich weniger mit ihrer Tätigkeit identifizieren.

Die zentrale Frage: Wie entsteht Engagement?

Wie können wir erreichen, dass Mitarbeitende sich weiter engagieren und damit innovativ und produktiv handeln?
Wie können wir die Einstellung der Mitarbeitenden – und damit ihr Verhalten – positiv beeinflussen?

Verhaltensänderungen werden in unserer Gesellschaft meist durch Lernen erreicht. Schule, Ausbildung und Weiterbildung bestimmen den Fortschritt bei Wissen und Fähigkeiten.

Doch die gegenwärtigen Herausforderungen entstehen weniger aus fehlendem Wissen – sondern aufgrund bestimmter Einstellungen. Und diese bestimmen letztlich das Verhalten. Wir müssen also bei der Einstellung ansetzen. 

Warum der Kontext Verhalten verändert

Hier hilft ein Blick in die Psychologie. Das Gesetz der „kognitiven Dissonanz“ (Leon Festinger, 1957) beschreibt, dass widersprüchliche Wahrnehmungen zu einer dauerhaften Veränderung von Einstellungen und Verhalten führen können.

Verhältnisse beeinflussen das Verhalten. Eine Veränderung der Verhältnisse führt also häufig zu einer Veränderung des Verhaltens. Menschen entscheiden sich dabei meist für das Verhalten, das unter den gegebenen Umständen den größten Vorteil verspricht.

Alltägliche Beispiele für dieses Prinzip

Dieses Prinzip lässt sich im Alltag gut beobachten:

  • Menschen essen mehr Popcorn im Kino, wenn es in großen Bechern serviert wird.
  • Menschen kaufen im Supermarkt mehr, wenn sie einen großen statt eines kleinen Einkaufswagens haben.
  • Organspenden sind in Ländern mit Widerspruchslösung höher, weil die Standardoption eine andere ist, als die in Ländern mit ausdrücklicher Zustimmung.
  • Studierende lernen in der Bibliothek oft konzentrierter als zu Hause, weil dort viele sitzen, die für ihre Prüfungen lernen und die Gemeinschaft als Vorbild dient. Zuhause gibt es zudem viel Ablenkung.


Warum entscheiden Menschen sich so? Weil die Rahmenbedingungen ihr Verhalten beeinflussen.

Beispiele aus der Arbeitswelt

Auch in der Arbeitswelt zeigt sich dieser Zusammenhang deutlich. Hier zwei Bespiele, die wir bei unseren Workshops des flexible office network vor Ort bei den Unternehmen erleben durften:

  • Viele Mitarbeitende von Dormakaba in der Schweiz kommen gern und zahlreich ins Büro, weil sie dort ein urbanes Ökosystem mit Pocketpark, Marktplatz und Arena vorfinden (fon-Workshop Juli 2024)
  • Bei Accenture ist es gelungen, wieder mehr Mitarbeitende ins Büro zu bringen, weil ein Arbeitsumfeld geschaffen wurde, das die Selbstbestimmung der Mitarbeitenden fördert. (fon-Workshop Juni 2025)

 

Was bedeutet das für die Gestaltung von Arbeit?

Wie können wir uns dieses Prinzip bei der Gestaltung der Arbeitswelt konkret zunutze machen?

Indem wir die Arbeitswelt nicht nur an sachlichen Notwendigkeiten ausrichten – etwa Nachhaltigkeit, Technologie oder Effizienz –, sondern diese gezielt mit erlebbaren, emotionalen Vorteilen für die Mitarbeitenden verknüpfen.

Die Veränderung des Arbeitsortes muss als Gewinn empfunden werden.

Sinn, Wertschätzung und Lebensraum

Dazu braucht es Anreize – und vor allem Sinn.

Ein Sinngefühl bei der Arbeit, bei jeder noch so unbedeutenden Tätigkeit, entsteht dann, wenn Mitarbeitende Wertschätzung für ihre Leistung erfahren.

Wertschätzung zeigt sich unter anderem darin, dass Mitarbeitende bei der Gestaltung ihres Arbeitsortes einbezogen werden, sie mitreden können.

Die Arbeitswelt ist ein „Raum“, in dem gelebt wird. Und Lebensräume gestaltet der Mensch nicht nur funktional mit dem Nötigsten aus, sondern auch mit „schönen“ Dingen, die ihn erfreuen.

Auch die Ausrichtung auf den Erhalt der Gesundheit ist keine Kür, sondern Pflicht in der Arbeitsgestaltung. Rückzugsräume für Ruhe und Erholung oder Angebote zur aktiven Entspannung wie Fitnessräume sollten durch ihre Ausstattung zeigen: Hier wird der Mensch ernst genommen und wertgeschätzt. 

"Eine attraktive Gestaltung der Arbeitsumgebung drückt die Wertschätzung für die Arbeit und den, der sie leistet, aus."

Arbeitsumgebung als Hebel für Kultur

Unser Denken und Handeln als Gestalter der Arbeitswelt sollte von der Überlegung ausgehen, wie wir Arbeit, Umgebung und Technologie so gestalten, dass Menschen mit Engagement, Energie und Freude arbeiten können.

Denn genau das ist die Voraussetzung für Wohlbefinden, Gesundheit – und damit auch für Produktivität und Innovationsfähigkeit.

Viele Probleme wie mangelnde Kommunikation, ineffiziente Meetings oder Silodenken lassen sich nicht allein durch Schulungen lösen. Oft können sie durch gezielte Veränderungen der Arbeitsumgebung deutlich reduziert werden – weil sie eine andere Einstellung und damit ein anderes Verhalten ermöglichen.

Welche Fragen jetzt entscheidend sind

Dabei sollte nicht im Vordergrund stehen:
Welche Trends bestimmen die Zukunft der Arbeitswelt?

Sondern vielmehr:

  • Was bringt Fortschritt – wirtschaftlich und persönlich?
  • Was schafft Sicherheit, Sinnhaftigkeit und Wohlbefinden?
  • Welche Lösungen haben sich bewährt?
  • Was sollte nicht ständig verändert werden?


Nur wer auf einem stabilen Fundament steht, kann Neues erfolgreich gestalten.

Zukunft gestalten statt vorhersagen

„Der beste Weg, die Zukunft vorherzusagen, ist, sie zu gestalten.“

Zukunft sollte nicht als Bedrohung erlebt werden, sondern als Fortschritt.
Und genau das gelingt, wenn wir das richtige Gleichgewicht zwischen Bewahren und Verändern finden. Nur wer auf bewährtem „Boden“ steht, kann Neues bewältigen. Er erweitert sein Können, er tauscht es nicht komplett aus, er muss sich nicht ständig neu erfinden.

Arbeitswelt gemeinsam weiterdenken – in unseren Workshops

Genau an diesen Fragen arbeiten wir im flexible office network weiter – gemeinsam mit unseren Mitgliedern und Partnern.

In unseren Workshops in 2026 widmen wir uns unter anderem folgenden Perspektiven:

Unsere Workshops bringen diese Themen aus der Theorie in die Praxis – und machen Arbeitswelt vor Ort erlebbar.

Wir freuen uns, Sie vor Ort zu begrüßen. 

Über Dieter Boch:

Dieter Boch, flexible office network

Dieter Boch ist Gründer des flexible office network und war viele Jahre lang geschäftsführender Gesellschafter des Instituts für Arbeitsforschung und Organisationsberatung (iafob deutschland).

Als Dozent lehrte er an der Fachhochschule Salzburg und der Hochschule für Wirtschaft in Zürich Führungsverhalten und Future Work & Workplace Design. Der Diplom-Psychologe ist Autor zahlreicher Veröffentlichungen und Mitherausgeber der Buchreihe „Flexible Arbeitswelten“.