Wertschätzung und Sinnhaftigkeit von Arbeit ist keine Frage der Möbel
Gute Arbeitsplätze brauchen gute Möbel, das steht völlig außer Frage. Auch Licht, Akustik, Rückzugsmöglichkeiten und Orte für Austausch machen einen guten Arbeitsplatz aus.
Aber allein durch die Möblierung werden Arbeitsplätze nicht automatisch zu guten Arbeitsplätzen. Entscheidend ist, ob Menschen erleben, dass ihre Arbeit gesehen wird und Bedeutung hat, ob sie Verantwortung übernehmen können, ob ihre Leistung anerkannt wird und ob sie stolz auf das sein können, was sie tun.
Wertschätzung entsteht durch gute Führung und faire Bedingungen
Sinn in der Arbeit entsteht nicht allein durch Titel, Einkommen oder gesellschaftliches Ansehen. Auch Tätigkeiten, die wenig sichtbar sind oder als selbstverständlich gelten, müssen gemacht werden. Gerade dann braucht es Wertschätzung: durch faire Bedingungen, gute Führung und die klare Haltung, dass die Menschen hinter der Arbeit zählen.
Das ist keine weiche Ergänzung zum Tagesgeschäft. Fehlende Anerkennung, dauerhafte Überforderung, unklare Erwartungen und mangelnde Gestaltungsspielräume können krank machen. Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass 15 Prozent der Menschen im erwerbsfähigen Alter von einer psychischen Erkrankung betroffen sind. Depressionen und Angststörungen führen weltweit jedes Jahr zu rund zwölf Milliarden verlorenen Arbeitstagen und etwa einer Billion US-Dollar Produktivitätsverlust.
Hinter solchen Zahlen stehen Menschen. Menschen, die sich erschöpft fühlen, keinen Einfluss mehr auf ihre Arbeit erleben oder das Gefühl haben, dass ihr Einsatz nichts bewirkt. Krankmeldungen sind deshalb nicht nur ein individuelles Thema. Sie können auch ein Hinweis darauf sein, dass Arbeitsbedingungen, Führung und Kultur nicht mehr zusammenpassen.
Wir erleben zugleich eine Gesellschaft voller Gegensätze: Unsicherheit, Dauerkrisen, hohe Erwartungen und permanente Erreichbarkeit. Das bleibt nicht vor der Bürotür stehen. Unternehmen können diese Entwicklungen nicht allein lösen. Aber sie können Arbeitsplätze schaffen, an denen Menschen Orientierung, Anerkennung und einen nachvollziehbaren Sinn in ihrer Arbeit finden.
Daher mein Fazit: Wertschätzung beginnt nicht beim Möbelkatalog. Sie beginnt mit der Haltung gegenüber den Menschen, die die Arbeit jeden Tag machen.
Über Dieter Boch: Dieter Boch ist Gründer des flexible office network und war viele Jahre lang geschäftsführender Gesellschafter des Instituts für Arbeitsforschung und Organisationsberatung (iafob deutschland). Als Dozent lehrte er an der Fachhochschule Salzburg und der Hochschule für Wirtschaft in Zürich Führungsverhalten und Future Work & Workplace Design. Der Diplom-Psychologe ist Autor zahlreicher Veröffentlichungen und Mitherausgeber der Buchreihe „Flexible Arbeitswelten“.